Der Italiener

Die gestrige Trainingsfahrt war ganz normal (Strava). Eine schöne 6-Stunden-Einheit mit einigen längeren Intervallen und insgesamt 4 knackigen Anstiegen. Die restlichen Anstiege wie gewohnt schön schleimig lang – so wie ich es überhaupt nicht mag. Aber nur genauso bringt es was!

Kurz nach Kössen auf der Landstraße Richtung Erpfendorf schließe ich langsam zu einem anderen Rennradler auf. Warum langsam? Na ja, wer die Strecke kennt, weiß genau, dass man in diese Richtung den Gegenwind sicher gebucht hat. Sicher gebucht? Ja, auf dem Kamineffekt ist Verlass. Das Tal mit der Großache ist so von den Bergen eingeschlossen, das die kühle Luft immer in das sonnendurchflutete Tal Richtung Kössen und Reit im Winkl strömt. Deshalb fahre ich diese Passage auch so ungern von mir aus gesehen rückwärts. Aber egal, nur genauso bringt es was!

Zurück zum Rennradler. Ich fahre also langsam zu ihm auf. An seiner Sitzposition lässt sich erahnen, dass er wohl schon eine größere Tour hinter sich hat. Auch das Gewackel mit dem Oberkörper lässt diesen Schluss zu. Zudem hat er bei den Windböen mehr Probleme mit Geschwindigkeit und gerader Linie als ich. Durch meine negativen Erfahrungen der letzten Wochen entscheide ich mich einfach an ihm vorbeizufahren. Kein Gruß, kein Winken, nix dergleichen. Musik im Ohr, einen längeren Intervall mit mehr Watt und vorbei. Gedacht – getan. Nach einiger Zeit spüre ich irgendwie, dass hinter mir einer ist. Aber der Rennradler von eben kann es nicht sein, der war schon irgendwie langsam. Außerdem bin ich bei einem Brückenanstieg noch einen kurzen harten Intervall gefahren. Dann werde ich überholt, na klar vom Rennradler von eben. Er setzt sich ganz brav vor mich, gibt Windschatten und Gas. Das Gewackel war jetzt wirklich sehr deutlich zu sehen. Aber egal. Seit langem wieder einmal ein echter Rennradler, ohne irgendwelche Allüren oder einem Dresscode à la Rapha, Assos oder noch teurer.

„Leute, bitte versteht endlich: Kopf und Beine führen zum Sieg. Da kannst du auch nackt auf dem Rad sitzen!“

Wir sind dann gemeinsam auf die Nebenstraße nach Kirchdorf abgebogen. Ich habe meine Banane zum snacken ausgepackt, mich neben ihn gesetzt und gefragt, wo er denn hin will. Vielleicht ja auch nach Kaiserwinkl hoch?! Da bemerke ich, dass die beiden Gesichtshälften schon ein wenig unterschiedlich sind. Die eine normal, die andere deformiert. Er hat mich auch nicht gleich verstanden. Erst nachdem er die Seite gewechselt hat und die „gesunde“ Gesichtshälfte auf meiner Seite war, konnten wir uns normal unterhalten. Der Rennradler entpuppte sich als rüstiger Italiener aus Rom. Seit vierzig Jahren leidenschaftlicher Rennradfahrer. Vor 5 Jahren hatte er einen schweren Rennradunfall, an dem er sich bis heute nicht erinnern kann. Die Folgen des Unfalls sind unübersehbar und bereiten ihm noch heute Probleme und Schmerzen.

Ich habe das alles erst gar nicht so wahrgenommen – ich war trotz des Gespräches viel zu fokussiert auf meine Trainingseinheit. Aber Leute, denkt mal nach! Der Italiener hatte vor 5 Jahren einen schweren Rennradunfall, eine Gesichtshälfte komplett deformiert, ein unrunder Tritt, die schiefe Sitzposition, das Gewackel auf dem Rad, das schwere Hören auf einem Ohr. Der fährt trotz allem Rennrad! Trotz der Beeinträchtigung. Der Hammer! Jetzt denkt mal weiter: welchen Druck macht ihr euch, wenn ihr mal eine Woche gesundheitsbedingt pausieren müsst? Welchen Druck hat sich wohl der Italiener gemacht? Der war mindestens 1 komplettes Jahr außer Gefecht. Welchen Druck hatte er wohl von außen? Die Familie, die Freunde, die Arbeit – ich kenne das nur zu gut!

Einfach der Wahnsinn! Welche Leidenschaft da dahinter steckt. Ich ziehe meine Hut! Respekt! Warum ich euch das schreibe:

„Leute, egal was kommt, egal was ist, so lange sich die Beine drehen können, sollen sie sich auch drehen! #dontstoppushing“

Das alles schoss mir nach Sachrang hoch wie ein Blitz durch den Kopf. Zwei Stunden später – zwei Stunden zu spät!

 

 

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