Faszination Großglockner

Der Wecker klingelt. Es ist Montag. Es ist 6:00 Uhr in der früh – zu früh für mich. Warum wollte ich nochmal so früh aufstehen? Ach ja, ich wollte einen perfekten Tag auf meinem Rennrad verbringen. Eine schöne Runde zum Großglockner – endlich mal wieder. Aber 6:00 Uhr? Muss das sein? Lieber den Wecker noch einmal auf Snooze stellen.

9:00 Uhr am Montag – so ein Mist! Verdammt! Die Sonne strahlt bereits mit allem, was sie so zu bieten hat. Der blaue Himmel liegt sanft über dem Chiemgau. Der Blick vom Schlafzimmerfenster in den herbstlichen Morgen Richtung Rauschberg ist mal wieder beeindruckend. Mindestens eine Stunde hätte ich schon Richtung Glockner radeln können. Egal – jetzt erstmal ein Frühstück mit Spiegelei und Avocado.

Meine Touren zum Großglockner beginnen immer so. Am Vorabend voller Motivation mit zeitigem Aufstehen. Und dann – nix da. Woran das liegt? Ganz einfach: es ist der immer noch gehörige Respekt vor dem Aufstieg von Ferleiten bis zur Edelweißspitze. Diese 14 km Rampe mit selten unter 10 % Steigung bin ich zwar schon ein paar mal gefahren. Die körperliche Verfassung oben war dabei aber noch nie so wirklich richtig berauschend. Dieser Anstieg tut einfach nur weh – eine stupide Quälerei!

Diese Gedanken verbinde ich immer mit dem Großglockner. Und ehrlich gesagt: diese bevorstehende Quälerei ist keine große Motivation das Bett um 6:00 Uhr morgens zu verlassen. Da verharrt mein Körper lieber in der geschützten Embryonalstellung zwischen der warmen Daunenbettwäsche.

Also 9:00 Uhr aufstehen. Schon beim Zähneputzen wird mir klar: das wird mal wieder eine Fahrt in die Nacht. Der Rucksack wird so unweigerlich schwerer: Licht, Ersatzakku, Ärmlinge, Beinlinge, Weste, leichte Thermojacke und die Verpflegung – Hurra! Punkt 12:00 Uhr verlasse ich das Haus und schwinge mich auf mein Rad. In Kurz-Kurz geht es los. Die erste Rampe wartet bereits nach knapp 2 km: Länge: 2 km, Höhenmeter: 200 m – mein Warm-up für den Tag. Danach geht es nicht direkt Richtung Großglockner. Die Bundesstraßen B306 / B311 sind viel zu befahren. Außerdem gibt es da ordentlich Schwerlastverkehr, besonders unter der Woche. Also fahre ich immer eine Schleife: Traunstein – Reit im Winkl – Kössen – Pillersee – Fieberbrunn – Hochfilzen – Saalfelden am Steinernen Meer – Zell am See – Ferleiten – Edelweißspitze (Strava). Die Fahrt ist am Anfang eher unspektakulär. Ab Österreich bekommt man dank der übergroßen Plakate von berühmten Sportlern einen kostenlosen Grundlehrgang in Sportgeschichte. Außerdem geben sich Ankündigungsbanner für Ski-Weltcups, Apfelfeste, Almabtriebe, Feuerwehrhaus-Feste etc. gegenseitig die Klinke in die Hand. In Österreich is halt immer was los.

Ab Saalfelden am Steinernen Meer führt ein perfektes Radwegenetz Richtung Zell am See. Hier wird es dann langsam auch richtig spannend. 120 km habe ich dann in den Beinen. Der Anstieg zum Glockner ist nicht mehr weit. Das Kribbeln im Bauch beginnt bereits (wie immer). Die Gedanken fokussiert auf die bevorstehende Anstrengung. Habe ich mich auch genügend verpflegt?

In Zell am See dann das erste Highlight:

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Blick vom Zeller See Richtung Glocknermassiv

Ein beeindruckender und gleichzeitig sehr aufschlussreicher Blick. Man sieht sofort die aktuelle Wetterlage und Schneefallgrenze sowie spürt man die Windrichtung für die nächsten 50 km. Ein letzter Stopp, eine letzte Banane mit Brötchen und dann geht es auch schon los Richtung Edelweißspitze.

Historisch: der Kilometer „0“ in Bruck. Habe ich diese magische Linie überfahren, gibt es keinen Weg mehr zurück. Egal was kommt, ich fahre den Anstieg in jedem Fall bis hoch! Ob Schnee, Regen, Graupel oder Hagel – nix kann mich aufhalten, nix wird mich aufhalten. Ein vorzeitiger Abbruch wäre ein mentales Desaster. Da wird aus Respekt vor dem Anstieg dann schnell Angst. Darum bewerte ich die Situation im Vorfeld am Zeller See sehr genau.

Ich glaub, so ziemlich jeder kennt den Anstieg: von Bruck geht es gemächlich nach Fusch. Hinter Fusch wartet dann auch schon die erste längere Rampe Richtung Ferleiten. Kurz vor der Mautstation gibt es einen Brunnen. Hier fülle ich meine Trinkflaschen immer noch mal bis zum Rand auf – man weiß ja genau was kommt. Nach der Mautstation gehts dann richtig los. Nix im Vergleich zudem was hinter mir liegt und nix im Vergleich zudem was danach noch kommt. Auf dem ersten Kilometer erfolgt auch schon die erste Bestandsaufnahme von Körper, Geist und Bedingungen. Wie sind die Beine? Was macht der Magen? Wie heiß ist es? Was macht der Wind? Wie ist der Verkehr? Bis zur ersten Kehre sind die 12 % Steigung wie einbetoniert. So eine brutale Konstanz – eine wahre Ingenieurskunst. Die Kehren bieten bis zur Nassfeldbrücke 2 die einzige Möglichkeit, die Belastung deutlich zu reduzieren. Sonst hängst du stetig in diesem Anstieg. Gefangen wie in einer Seilschaft mit Reinhold Messner am Mount Everest – die einzige Richtung: nach oben!

So verrückt es auch klingt, trotz dieser schier endlosen Quälerei ist es einfach faszinierend, durch die einzelnen Vegetationszonen zu fahren. Man beginnt im Nadelwald mit saftigen Wiesen, Viehweiden und wohliger Wärme. Oben wartet hochalpines Gelände mit Geröllhalden, Schneefetzen kaltem Wind und Murmeltieren – einfach nicht für den Menschen gemacht.

„Abstoßend und anziehend zugleich.“

Für mich strahlen die Felsen eine enorme Kraft aus. Sie ziehen mich in einen Bann. Wie ein Drogenabhängiger folge ich dieser Kraft und steige so nach und nach zur Passhöhe. Mich fasziniert weniger die teils atemberaubende Landschaft. Die Machtdemonstration der Natur ist mein wahres Rauschmittel. Ich werde eins mit meiner Umgebung. Ich zeige Demut und füge mich dem Willen der Natur. Schnee, Graupel und Kälte sind keine Hindernisse, es sind Prüfungen, die ich zu bestehen habe. Wie einst Bastian in der Unendlichen Geschichte. Ich weiß, da ist viel spiritueller Kram dabei. Sorry! Hier mein knackiges weltliches Fazit:

„Wer denkt, man könne die Natur besiegen, der irrt gewaltig. Auf dem Planeten Erde sind wir nur Gast, nur eine Epoche!“   

Als ich die Edelweißspitze erreichte, war es schon dunkel geworden. Ich kehrte für eine warme Suppe, Almdudler und Espresso noch in die Edelweißhütte ein. Leicht ungläubig wurde ich vom Wirt gemustert – wie so oft.

 

Wirt: „Wo kommst Du denn jetzt noch her?“

Ich: „Von Traunstein.“

Wirt: „Wo willst Du jetzt noch hin?“

Ich: „Nach Traunstein!“

Schweigen!

 

Die Abfahrt war einfach traumhaft. Unter einem perfekten Sternenhimmel bin ich wieder Richtung Ferleiten. Die einzigen Begleiter: Mond und Polarstern. Ab Zell am See ging es direkt auf der Bundesstraße erst Richtung Bad Reichenhall und dann über Teisendorf zurück nach Traunstein (Nachts kann man die Bundesstraßen in Österreich ohne Probleme fahren). Gegen 01:00 Uhr war die Runde beendet. Wie immer mit bleibenden Eindrücken und einer gehörigen Portion Respekt. #dontstoppushing

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Dehnübungen an einer Bushaltestelle um Mitternacht nach 300 km und 4.000 Höhenmetern

 

 

 

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