Birthday Loop

Meine diesjährige Geburtstagsrunde ist mehr oder weniger spontan entstanden. Den geplanten Big Loop konnte ich nicht fahren, da mich ein Infekt für drei Tage komplett außer Gefecht gesetzt hatte. So wurden Mitte letzter Woche die Beine langsam unruhig und der Kopf fing schon wieder an, wilde Spinnereien zu produzieren. Also was tun? Wohin mit der aufgestauten Energie? Während meines täglichen Facebook-Screenings blieb ich bei einem Post vom Monte Zoncolan hängen – das ist ES! Perfekt, mit dem Zonci hab ich eh noch eine Rechnung offen.

So ging es Samstagmorgen zuerst mit dem Auto Richtung Lienz. Bin natürlich wieder einmal zu spät aus dem Bett gekommen. Nun ja, keine Panik, das wird schon. Mein Startpunkt war der Wanderparkplatz in Tassenbach, direkt am Fuß vom Kartitschen Sattel. Schnell den Crosser aus dem Auto raus, vorderes Laufrad rein und ab die Post!

Der erste Teil war auch schon der gemütlichste der ganzen Runde: locker flockig mit Highspeed Richtung Lienz. Klar ist hier ein Crosser überflüssig. Für die kommenden italienischen Straßen jedoch war die Wahl perfekt. Von Lienz ging es weiter Richtung Gailbergsattel. Topfeben mit schön Gegenwind – was will das Radfahrerherz mehr. Motto war hier die Ruhe zu bewahren. Nur nicht überziehen, da warten noch einige Brocken. Mit dieser Einstellung ging es auch den Gailbergsattel hinauf. So verlockend die Steigung auch ist, wenn du genau weißt, was noch vor dir liegt, machst du hier lieber schön smooth. Das macht dich natürlich zu einer leichten Beute für motivierte Locals, aber egal, die ca. 6.000 geplanten Höhenmeter fährt man nicht nur mit den Beinen, sondern auch mit dem Kopf.

Nach dem Gailbergsattel kam auch gleich der Plöckenpass – verkehrstechnisch normalerweise der Supergau. Da Reihen sich Wohnwagen, Wohnmobile, Motorradfahrer, VW-Busse, Oldtimer, Porsche-Clubs und was weiß ich noch aneinander und bereiten dir einen Tinnitus auf dem linken Ohr. Doch heute – nix dergleichen. So ruhig und leise habe ich den Pass noch nie wahrgenommen. Das war schon wieder eine fast kitschige Herbstkulisse. Aufgefallen ist mir nur eine Motorradgruppe mit aufgemotzten Untergestell, dickem Hintern und Münchner Kennzeichen – die Schickeria lässt grüßen. So konnte ich sehr entspannt die ersten 12 – 14 % Rampen unter die Räder nehmen. Besonders die Galerien sind verdammt knackig. Oben angekommen habe ich mir meinen ersten Espresso gegönnt und einfach kurz inne Gehalten:

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Die unverkennbare Galerie vom Plöckenpass.
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Blick vom Plöckenpass in das südliche Tal.
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Blick von oben in die Serpentinen.
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Perfekt!

Die Abfahrt vom Plöckenpass durch die Serpentinen war ebenso entspannt und einfach geil – rollen lassen und die Hände weg von der Bremse.

Unten in Paluzza angekommen ging es auch schon rechts weg Richtung Monte Zoncolan. Da ich die klassische Auffahrt von Ovaro nehmen wollte, musste ich quasi erst einmal um den Zonci drumherum. Das geht in dieser Gegend jedoch nie flach oder mit einem sanften Anstieg. Nein – diese Region ist erbarmungslos. Die Anstiege hier haben grundsätzlich Rampen mit mindestens 10 % eingebaut. Und flach ist hier nur der Friedhof. So lag zwischen mir und dem eigentlichen Highlight meiner Tour noch eine schöne Rampe nach Ravascletto hoch. Das Kribbeln im Bauch begann schon hier. Wie wird die Auffahrt zum Zoncolan wohl sein? Wieder eine totale Katastrophe? Oder werde ich mich diesmal seiner würdig erweisen?

Die Einfahrt zum Zoncolan bis zur Abzweigung ist noch moderat mit 12 – 15 %. Das kenne ich, in diesen Bereichen trainiere ich auch. Also ging es hier gewohnt „locker“ rauf. Nach der Abzweigung kommt das letzte kurze flache Stück – die Einfahrt in die Hölle, gekonnt aufbereitet mit zwei spöttischen Karikaturen. Eine langgezogene Linkskurve und dann steht sie vor dir – die Wand mit 22 %! Die Übersetzung: 34 – 30, den Rest mussten ab jetzt die Beine und der Kopf irgendwie bewältigen. Mit meiner Größe von 2,00 m bin ich anatomisch eigentlich komplett ungeeignet für Anstiege jenseits der 20 %. Die langen Beine und der lange Oberkörper finden bei dieser Winkelverschiebung  keine Position mehr für eine optimale Kraftübertragung. Ein Wiegetritt ist komplett ausgeschlossen – da müsste ich mich derart über den Lenker beugen, dass ich den Vorderreifen im Gesicht habe. Also irgendwie die ersten 2 km mit dieser Steigung bezwingen. Irgendwie! Und irgendwie habe ich es geschafft. Mit Schlangenlinien und blutleerem Kopf. Die Erinnerungen nur schemenhaft oder gar nicht vorhanden. Der Puls jenseits von allem und kalter Schweiß auf den Oberarmen. Die erste Pause war fällig – die erste demütige Verneigung. Der Puls kam wieder langsam auf Normalmaß. Kurzer Schluck aus dem Bidon und weiter. Die Markierung auf der Straße „- 5 GPM“. Noch 5 Kilometer also. Wenigstens keine 20 % mehr. Nur noch maximal bis 18 % – JUHUU! Die Anstrengung blieb weiter auf Top-Level. Der Zonci ist einfach so dermaßen brutal. Bis hoch musste ich noch zwei demütige kurze Pausen einlegen, die Belastung für meinen Kreislauf war auf die Dauer einfach zu hoch. Der Monte Zoncolan bleibt mein Lehrmeister und die Rolle als aufschauender Schüler gefällt mir zwar nicht – muss ich aber wohl annehmen.

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Die Tunnel – es ist nicht mehr weit zum Gipfel!
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Oben.

In der Abfahrt durch die italienische Nacht konnte der Crosser seine Eigenschaften voll ausspielen. Mit seiner perfekten Steifigkeit, Spurtreue und jedem Schlagloch trotzend ging es fast ungebremst nach unten.

Zurück in Paluzza war die erste längere Pause fällig. Ich fand eine hübsche Bar . Hier habe ich mich schön brav mit meinen Radklamotten an den Tresen zwischen den Locals eingereiht, einen Espresso bestellt und mir eine Apfelschorle in meine beiden Trinkflaschen mixen lassen – cool und lässig, wie es sich für einen Samstagabend eben gehört.

Ursprünglich geplant war jetzt noch der Lanzenpass, das Nassfeld und schließlich das Lesachtal. Da ich mich jedoch schon wie ein angeschossenes Reh auf dem Rad gefühlt habe, musste ich zähneknirschend die Strecke abändern. Es ging dann also weiter mit dem Aufstieg nach Ligosullo. Den Lanzenpass habe ich in der Abfahrt links liegen gelassen und bin weiter bis kurz vor Tolmezzo. Ab jetzt folgte ein 26 km langer schleimiger Anstieg zurück zum Plöckenpass, 10 % Rampe inklusive. Wieder oben angekommen ging es auch schon wieder runter ins Lesachtal.

Das Lesachtal – 40 km eine Achterbahn der Gefühle, eine Achterbahn der Schmerzen. Nach 210 km mit 5.000 Höhenmetern in den Beinen nochmal ein richtige mentale Herausforderung. Ich habe mir vorgestellt, das nach den 40 km am Ende der Straße ein Topf voll Gold auf mich wartet. Der Topf war mein Auto und das Gold war kandierter Ingwer mit Studentenfutter.

„Es war 2:00 Uhr in der Nacht, es war Frost vorhergesagt und ein Topf voll Gold war mein Rettungsanker – na dann mal los!“

Je höher ich kam, desto kälter wurde es. Von der Tour war ich mittlerweile komplett durchgeschwitzt, was die Sache mit der Kälte nicht unbedingt leichter machte. Kurz vorm Kartitschen Sattel sah ich mitten über mir eine riesige Sternschnuppe (wenn man so etwas Großes überhaupt noch Sternschnuppe nennt). Das war ein mega Schweif mit einer gewaltigen Explosion als der Kontakt mit der Atmosphäre erfolgte. Die Explosion war so perfekt rund, wie mit einem Zirkel gezogen, und zeigte im sternenklaren schwarzen Himmel alle Facetten des blauen Farbspektrums. Das alles in 4K Full-HD. Überwältigend, wie als wolle man mir sagen, das der letzte Kilometer zum Gipfel angebrochen war – was dann auch so war! Oben war es verdammt Kalt. In der Abfahrt hat mir der kalte Wind regelrecht im Gesicht gebrannt. Einfach nur noch runter – runter zum Topf mit Gold.

Zurück am Auto war ich komplett durchgefroren. Ich hab mir sofort die nassen Sachen ausgezogen, schnell die Wechselklamotten angezogen, mit den steifen Fingern irgendwie das vordere Laufrad vom Crosser wieder ausgebaut und das Rad im Auto verstaut. Motor an, Sitzheizung auf Maximum, Lüftung auf 26 Grad und ab durch die frühen Morgenstunden zurück nach Traunstein. Das Thermometer zeigte 3 Grad. Wie kalt war es dann wohl oben?

Sport & Outdoor Go West I Grüezi-Bag I Mamma Bavaria I RADsyndikat

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