Watzmann-Überschreitung

Es ist immer wieder beeindruckend, wie die Natur einem seine Grenzen gnadenlos aufzeigt. Aber von vorn:

Die Idee der Watzmann-Überschreitung hatte ich eigentlich schon länger im Kopf. Durch meinen straffen Trainingsplan mit dem Rennrad sind solche Projekte jedoch nur begrenzt machbar – da bietet sich eigentlich immer nur die Off-Season an.

Vorletzte Woche im Kino bei der Alp-Con bekam ich so richtig Bock auf eine wilde Kletterpartie. Mein Rennrad ist schon im wohlverdienten Winterschlaf. Mein Crosser ist saumäßig verdreckt. Was bleibt mir da noch übrig? Klar – meine Trailschuhe! Watzmann, ich komme!

Letzten Donnerstag war es dann soweit. Das Wetterfenster war stabil – also los. Mein Problem mit dem frühen Aufstehen kennt Ihr ja bereits. Mein Wecker war auf 2:30 Uhr gestellt – eigentlich unmöglich! Ich bin diesmal zeitig gegen 21:00 Uhr ins Bett, habe aber nur 3 Stunden geschlafen. Mein Kopf war so heiß auf dieses Projekt, der war schon komplett auf 110 %. Die restliche Zeit lag ich also völlig aufgedreht und wach im Bett.

Aufstehen, Anziehen, Frühstücken und ab die Post. Mit dem Auto nach Ramsau und um 4:30 Uhr ab in den Aufstieg. Was jetzt kam, war alles Neuland für mich. Ich kannte hier keinen Meter. Die Nacht war sternenklar und der Mond war, wie schon so oft in diesem Jahr, mein treuer Begleiter. Im Schein der Stirnlampe ging es von Anfang an schön steil bergauf. Erstes Ziel: Watzmannhaus (1.930 m). Als Rookie hab ich mich dann auch gleich ein wenig verlaufen. Ich habe eine Abzweigung verpasst und bin einen Umweg Richtung Schapbachalm gelaufen (das habe ich jedoch erst auf dem Weg zurück gemerkt). Da ich für die Überschreitung unter 6 Stunden bleiben wollte, hatte ich immer einen schönen Zug drauf. Bis zum Watzmannhaus habe ich 1:39 Stunden benötigt – lief also alles nach Plan. Dank dem berühmten Runner’s High ging es auch genauso weiter.

Nächstes Ziel: Hocheck (2.651 m). Am Anfang ging der Aufstieg weiter extrem flüssig. Mittlerweile war ich in der Felslandschaft mit losem und festen Geröll angekommen. Kein Wind, perfekte Temperaturen – alles optimal. Vor mir entdeckte ich einen weiteren Bergsteiger. Jetzt hatte ich auch noch ein schönes Zwischenziel. Kurz vor dem Einstieg in das steilste Stück konnte ich ihn mir schnappen. Er war der klassische Alpinist: Bergschuhe, lange Berghose, Jacke, Stöcke und einen 25 – 30 Liter Rucksack. Ich dagegen: Trailschuhe, Laufhose, Radtrikot mit Ärmlingen, Windweste und einen 10 Liter Rucksack mit Trinkblase und Wechselklamotten. Für den Moment war ich klar im Vorteil – für den Moment! Weiter oben dann die ersten vereisten Stellen. Alles aber noch sehr gut machbar. Dann die erste Passage auf dem Grat. Hier hat mich zum ersten Mal die volle Wucht einer Sturmböe getroffen. Wahnsinn – ich musste mich zum Schutz hinknien, sonst hätte es mich komplett weggefegt. Außerdem war der Wind saukalt. Es herrschten komplett andere Wetterverhältnisse als auf der geschützten Nordseite. Je höher ich kam, desto ausgesetzter wurde das ganze Terrain. Jetzt waren es keine einzelnen vereisten Stellen mehr, sondern komplett beschneite und vereiste Übergänge und Querungen. Das Tückische an der Sache: es gab total vereiste Schneefelder und begehbare Schneefelder. Es gab jedoch rein optisch keine Unterscheidung. Also ab jetzt vorsichtig Herantasten. Immer schön eine Trittprobe mit teilweise akrobatischen Einlagen. Dazu kam jetzt auch noch der starke Wind. Immer mehr Böen kamen von der Südseite. Langsames Tempo, kalte Böen, der Gipfel noch weit über mir und eigentlich mitten im Nirgendwo. Die Macht der Natur überwältigte mich einfach. Mein unbändiger Wille hatte hier mal einen ordentlichen Dämpfer bekommen. Ein Moment des Zweifelns. Zum Glück nur ein kurzer Moment. Ich hatte schnell meine Gedanken wieder sortiert und bin weiter zum Gipfel. Von der Wimbachbrücke bis zum Hocheck benötigte ich 2:53 Stunden. Der Gipfel war völlig vereist und die Sturmböen waren mittlerweile in Orkanstärke.

Hocheck6
Vereiste Querung
Hocheck2
Gipfelkreuz Hocheck (2.651 m)

Ab in die Schutzhütte und umziehen. Der andere Bergsteiger war kurz nach mir auf dem Gipfel. Sein Equipment war jetzt perfekt. Und noch dazu: er packte in der Schutzhütte seine Steigeisen aus! Er ging weiter Richtung Watzmann. Ich dagegen schaute mir noch kurz den komplett vereisten Einstieg in die Nordwand an und bin dann umgedreht. Was bergauf noch halbwegs begehbar war, stellte sich für den Abstieg als echte Herausforderung heraus.

„Ich hatte kurz nach dem Gipfel ein gerade mal 20 cm breites und ca. 20 m langes Felsband, eingerahmt von komplett vereisten Abgängen, zur Verfügung. Jeder einzelne Schritt wollte jetzt wohlüberlegt sein. Mal was anderes, als mit 90 km/h die Pässe runter!“

Ein wenig weiter unten überholte mich der Bergsteiger von eben beim Abstieg. Als gäbe es nichts Leichteres, schwebte er geradezu mit seinen Steigeisen an mir vorbei. Auch er kapitulierte vor den Wetterverhältnissen. „Eine Überschreitung ist heute unmöglich. Der Sturm und das Eis kosten zu viel Zeit.“ sprach er kurz und verschwand in der Felslandschaft. Ich weiter auf allen vieren. Die Unterschiede hätten größer nicht sein können.  #dontstoppushing

Hocheck3
Gipfelglück! Hintergrund: Watzmann (2.713 m)

 

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