Eine ganz normale Trainingswoche Teil II

„Wenn Du vor etwas Angst hast, dann tue es nicht. Und wenn Du etwas tust, dann darfst Du keine Angst davor haben.“

Freitag

Nach einem Ruhetag und einer lockeren Runde um den Lago standen nun zwei schwere Bergetappen auf dem Plan. Ganz klassisch: Kraft am Berg!

Und ich hatte echt keine Ahnung, das diese beiden Tage die bisher geilsten Tage hier am Gardasee werden sollten! Aber alles der Reihe nach …

Der Freitag sollte kurz und knackig werden. Es ging von Toscolano nach Gargnano und dann scharf links weg auf die SP9. Nach 4 km Einfahren wartete also schon der erste Anstieg mit 9 Kilometern und ca. 500 Höhenmetern. Alles sehr moderat, die Temperaturen schon wirklich frühlingshaft. Handschuhe, Ärmlinge und Mütze konnten schnell verstaut werden. Oben in Navazzo angekommen ging es noch über eine leichte Kuppe und dann war ich für 5 Stunden in einem Paralleluniversum!

Eine Gegend so einsam und verlassen … unvorstellbar! Keine Menschenseele und kein Auto. Die einzigen Geräusche waren Vögel und der Wind, der mit den Bäumen spielte. Vorbei am Lago di Valvestino, der eigentlich ein Stausee ist und so friedlich in sich ruht. Das Wasser so klar, das man von einer 30 Meter hohen Brücke ohne Probleme durch das türkis-blaue Wasser bis auf den Grund schauen konnte. Vorbei an Schildern aus einer scheinbar anderen Zeit. Ein Imbiss in 500 Metern? Vielleicht im Jahr 1970 aber nicht heute am 15. Februar 2019! Der Mond schon wieder aufgegangen oder gar nicht untergegangen? Die Sonne immer leicht gedämmt, scheinbar nie im Zenit. Der Wind leicht warm und umschmeichelnd. Ein frischer Duft nach Zitrus und Olive, aber nicht so abgestanden und stickig – nein, immer in Begleitung von einer Brise Bergluft. Wo verdammt noch mal war ich hier gelandet? Naboo? Tatooine? Jenseits der Donnerkuppel? Distrikt 12? Keine Ahnung! Auf jeden Fall hatte das nicht mehr viel mit Mitteleuropa am Hut.

Eine Informationstafel verriet mir auch nicht, wo ich war. Aber sie verriet mir, das die Straße nach Cima Rest auf 1.200 m führt. Da blitzten meine Augen auf! Und ab ging die Post. Die Straße führte weiter vorbei an Dörfern, so malerisch wie in der Toskana und einfach perfekt in den Berg gebaut.

Magasa

In den engen Gassen der menschenleeren Dörfer halte das Knirschen der Steine unter meinen Rädern so laut, als würde ich mit einer aufgedrehten Stereo-Anlage durch Donnern. Alles zu und verrammelt. Keine Bar hatte offen, die Brunnen abgestellt. Hmm … das wird heute also ein sehr sparsamer Tag ohne Espresso und Fanta.

Zum Glück ist auf die Natur verlass: ein paar vom Winter konservierte Orangen aus einem Garten und frisches Bergquellwasser sollten meinen Tag retten. Wenn schon Mockingjay … dann aber auch richtig!

Nach Cima Rest ging es wieder zurück. Danach ging es kurz hoch nach Turano. Und wieder runter. Dann ging es hoch nach Armo. Und wieder runter. Danach hoch nach Persone. Danach runter, rauf, runter, rauf nach Moerna. Danach wieder runter, rauf, runter, rauf nach Capovalle. Schließlich noch ganz kurz rauf zum Passo San Rocco und dann 10 Kilometer runter nach Lemprato zum Lago d’Idro.

Crone / Lemprato

Unten in Lemprato angekommen ging es auch schon wieder scharf links einen satten Stich rauf nach Trebbio (auf 6 Kilometer nicht unter 11 % Steigung). Grobe Richtung war nun Salò immer auf der SP6. Ich kannte die Strecke noch sehr gut von meinem GardaCross. Wusste also, dass nur noch ein paar kleine echt fiese Rampen kommen sollten bevor es dann circa 35 Kilometer nur noch bergab Richtung Salò und schließlich zurück nach Toscolano ging.

Als das Bild (oben) entstand, zeigte mein Tacho um die 70 gefahrene Kilometer mit ca. 2.500 Höhenmeter. Und es sollte jetzt nur noch bergab gehen. Auf dem Weg nach unten sah ich bei einer Abzweigung im Augenwinkel, das eine Straße wieder nach oben führte. Die Steigung sah um die 8 – 9 Prozent aus. Mein absolutes Lieblingsterrain. Kurz überlegt … kurzer Check:

Gehirn: „Du bist verrückt!“; Beine: „Da geht noch was!“

Angehalten. Umgedreht. Coldplay in die Dauerschleife. Und ab die Post! 30 Minuten mit 300 NP den Sonnenuntergang gejagt. Die Berge orange angestrahlt von der Sonne, der Anstieg bei konstant circa 9 % und keinerlei Beschwerden – was ein geiles Gefühl. Aus Teer wurde irgendwann Schotter, aber mit meinem Crosser alles kein Thema. Der Sonnenuntergang war das große letzte Ziel für heute. Und …

Passo del Cavallino

… ohne Worte!!! Ein Tag wie ein Film und ich in der Hauptrolle.

Samstag

Was sollte nach diesem Freitag noch kommen? Es konnte ja nicht mehr besser gehen?! Was für eine traumhafte Gegend … und eine optimale körperliche Form.

Wie immer zeitig von den ersten Sonnenstrahlen geweckt. Was sagen die Beine nach der Tour gestern? Die sagen nix! Ein wenig müde, dürfen sie aber auch sein.

Das Frühstück auch wie immer: frische regionale Milch und Joghurt, Eier, Avocado, Erdbeeren, Käse, Schinken und und und … der Tag wird wieder lang und hart.

Gestartet bin ich auch wie immer in Toscolano. Es ging wieder nach Gargnano, dann hoch nach Navazzo und weiter zum Passo San Rocco. Diesmal jedoch über den direkten Anstieg. Dann runter zum Lago d’Idro, rüber auf die andere Uferseite und hoch nach Storo.

Blick auf Ponte Caffaro

Ab Storo ging es dann hoch zum Passo d’Ámpola. Alles unaufgeregt, ruhig und unspektakulär. So ein Tag wie der Freitag setzt nun mal den Maßstab weit nach oben.

Storo – Passo d’Ámpola

Am Pass dann kurz rechts weg und da war auch schon mein Highlight des Tages: der Anstieg nach Tremalzo. 13 Kilometer mit 1.000 Höhenmeter. Diesen Anstieg hatte ich noch sehr gut vom #GardaCross in Erinnerung. Damals bin ich den im Dunkeln hoch, mit einer Pizza Margherita im Bauch und Helene Fischer im Ohr („Atemlos durch die Nacht“ von der Karaoke-Party – Ihr erinnert Euch?).

Die Beine waren schon ein wenig müde. Aber ich hatte die letzten Tage echt Vertrauen in meine derzeitige Leistungsfähigkeit bekommen. Wenn ich schon eine neue Stress-Zone habe, dann wollte ich auch die Grenze eben dieser wissen. Der Plan: bis hoch All-Out!

Von Kilometer 0 ging es Vollgas nach oben. Kein Verstecken, kein Zurückstecken. Die Kette immer auf Zug. Im Wiegetritt zwei Gänge runter. Ich wusste nicht, wie ich oben ankommen würde. Ich wusste nicht, ob ich überhaupt oben ankommen würde. Zerreißt es mich? Muss ich mich übergeben? Fall ich einfach um? Alles schon passiert! Passiert es auch heute?

Kennt Ihr das Gefühl, wenn Du im inneren Dialog mit Dir selbst im reinen bist? Wenn Du Deinen Körper fragst, wie es ihm ergeht, und er Dir sagt: „Alles gut, ich mach das für Dich! Mach Dir keine Sorgen! Wir kommen schon oben an!“

Genau so war es! Das waren 13 Kilometer mit 1.000 Höhenmeter in 1:09 h. 300 NP auf 60 Minuten. Eine neue Schwelle von über 300 Watt.

Tremalzo auf 1.700 Metern

Kurz vor der letzten Kehre dann Anfeuerung aus den entgegenkommenden Autos, begleitet von erstaunten Snowboardern und Schlittenfahrern. Ich muss wohl ziemlich gezeichnet ausgesehen haben – gefühlt habe ich mich aber nicht so. Dann Kilometer 13 – Ende, aus, Schluss. Schee woars!!!

Kilometer 13

Den Crosser ordnungsgemäß am Bike Parking abgestellt und rein ins Restaurant. Durch die Sonne war es draußen schon gut warm. Drinnen war es noch wärmer. Ich Tür auf und zack 18 Augenpaare ungläubig auf mich gerichtet. Draußen eher noch Wintersport stand da nun so ein großer Typ im kurzen Rad-Trikot. Durch die Wärme schoss mir gleichzeitig der Schweiß auf die Stirn und lief nur so im Gesicht runter.

Der Wirt hat irgendein Witz mit nem Mountainbike gemacht, das habe ich aber nicht verstanden. Ich wollte eigentlich nur ziemlich schnell eine Fanta und einen Espresso! Da hat er auch den leichten Ernst der Lage erkannt und hat mir gleich die Dose Fanta aus der Auslage gegeben. Erster Gedanke: die ist schon über dem MHD! Zweiter Gedanke: Scheiß drauf!

Während ich mich so langsam wieder sammelte, ging der Wirt kurz raus, um mein Fahrrad näher zu begutachten. Der konnte mit dem Begriff „Cross-Bike“ nix anfangen. Wieder reingekommen gab er mir ein anerkennendes Nicken. Ich war seiner also würdig!

Marco (der Wirt) hat dann auch gesagt, das ich der erste Radler in diesem Jahr hier oben wäre – da darf natürlich ein Foto nicht fehlen!

Nach 10 Minuten war ich komplett wieder hergestellt und konnte das atemberaubende Panorama genießen.

Nach Tremalzo ging es für circa 35 Kilometer nur bergab – unspektakulär. Weiter durch Riva noch schnell zur Esso-Tankstelle nach Torbole um das Rad vom Salz zu befreien. Danach die üblichen 35 Kilometer zurück nach Toscolano.

„Wenn Du vor etwas Angst hast, dann tue es nicht. Und wenn Du etwas tust, dann darfst Du keine Angst davor haben.“

Es braucht oftmals Mut und Vertrauen in die eigene Stärken um Spitzenleistungen abrufen zu können!

Sport & Outdoor Go West I Grüezi-Bag I Mamma Bavaria I RADsyndikat

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