Race Across Italy 2019

Schwarz oder Weiß?

Meine Startnummer wird aufgerufen und ich gehe bewusst sehr langsam auf die Starttribüne. Warum? Ich habe einfach keinen Bock auf das letzte Interview. Die üblichen Fragen, der übliche Kram … dafür bin ich nicht hier! Ich bin hier zum Radfahren. Ich bin hier um einfach alles zu geben. Ich bin hier um zu Siegen!

3, 2, 1, und ab geht die Post! Endlich raus, endlich Ruhe. Jetzt liegt es an mir allein, Hoffnungen, Wünsche, Träume und Ziele in die Tat umzusetzen. Der Druck ist hoch – und das ist auch gut so.

Vorbei an Polizei und Pace-Cars geht es auf die Strecke. Vollgas die ersten dreißig Kilometer bis zum ersten langen Anstieg. Die NP jenseits der 300. Puls? Keine Ahnung! Ist auch nicht wichtig, den spüre ich eh nicht. Landschaft und Umgebung fliegen an mir vorbei. Dafür bleibt kein Blick. Vor mir ist weit und breit kein weiterer Fahrer zu sehen. Ist ja auch klar, jeder will im ersten Abschnitt so viel wie möglich an Zeit gut machen.

Kreisverkehr zweite Ausfahrt und dann geht es auch schon hoch, hoch auf 1.600 Meter. Die Länge ist so um die 30 Kilometer. Ich habe das Profil nur halb abgespeichert. Bei knapp 800 Kilometer Rennlänge reichen grobe Schattierungen des Höhenprofils im Kopf völlig aus. Mein Tempo wird deutlich langsamer, erst jetzt nehme ich die schwül-warme Luft so richtig war. Mir drückt es den Schweiß aus allen Poren. Der Schweiß fließt mir nur so über das Gesicht und in die Augen. Die Augen brennen wie Hölle.

Kurz nach dem Kreisverkehr schießt die Startnummer 57 an mir vorbei. Es ist Lorenzo Micheli. Gestern hat man mir ins Ohr geflüstert, das genau er mein größter Konkurrent für den Sieg ist. Sein Tritt ist sehr flüssig und ruhig. Trotz seines eher unathletischen Körperbaus bringt er einen ungeheuren Druck auf das Pedal.

Im Nachgang betrachtet beginnt hier mein größter Fehler im Rennen. Ich hatte nur noch die Nummer 57 im Fokus!

Ziehen lassen und mein Tempo fahren. Mehr kann ich derzeit nicht tun. Das Rennen ist noch verdammt lang.

Es geht weiter bergauf. Der übliche Regenwurm an Pace-Cars der Supported-Rider bildet sich. Manche Betreuer feuern an, manche sind einfach nur Deppen. Zwischendrin – Ich. Da ein Brunnen mit erfrischenden Nass. Perfekt! So kann ich meine erste Pause weiter nach hinten schieben.

Endlich oben. Endlich bergab. Nur kurz, aber immerhin. Um mich herum viele dunkle Wolken, einiges an Gewitterzellen und verdammt viel Wind. Bergab Gegenwind, dann Richtungswechsel mit extremem Seitenwind.

Kannste Kante fahren, kannste Kante fahren!

Wieder Richtungswechsel. Jetzt mit extremem Rückenwind den zweiten kleinen Anstieg bergauf. Ein Blick zurück auf das Hochplateau: da kommt weit und breit nix. Sehr gut! Mit Druck und Rückenwind über den zweiten Pass und ab in die Abfahrt – schnell, ohne Kompromisse, ohne doppelten Boden.

Die Wolken werden bleiben, der Wind wird bleiben. Also die Fahrweise an den Wind anpassen: Abfahrt mit Gegenwind – nicht dagegen ankämpfen, Kräfte sparen; Abfahrt mit Rückenwind – alles bis zur Schwelle rausholen; Auffahrt mit Rückenwind – Verpflegen; Geradeaus mit Seitenwind – Kante fahren, zur Not die ganze Straßenbreite ausnutzen. Durch das sehr weitläufige Plateau und den Signalleuchten der Pace-Cars kann ich den Streckenverlauf sehr gut verfolgen, den Wind dazu addieren und letztlich sehr taktisch und klug fahren.

Omar de Felice überholt mich. Wortlos, emotionslos und ein wenig behäbig wie ich finde. Seiner Majestät werden gerade die Handschuhe gereicht. Beinlinge und Windweste hat er schon an. Gut, es ist kühl und schattig. Ich fahre aber immer noch nur mit meinen Ärmlingen. Meine Windweste versteckt sich weiter unter meinem Trikot – und mehr habe ich auch nicht dabei. Bei schweren Knochen muss man nun mal auf Teile der Sportful-Kollektion bewusst verzichten.

Heidernei ist der Omar ein schlechter Abfahrer! So dicht, wie mich sein Pace-Car überholt hat, so dicht hänge ich jetzt in der Abfahrt am Auspuff. Da geht ja gar nix zusammen. Und den Kreisverkehr fährt er auch noch in der falschen Richtung – ist halt nicht die Arktis!

Auf einmal schießt Mattia de Marchi an mir vorbei. Durch den Rückenwind fliegt der nur so. Mir fällt vor Schreck meine Bifi fast aus der Hand. Der fliegt auch weiter am Omar vorbei. Scheiße, ist der schnell! Krank!

Mattia de Marchi wird die Unsupported-Kategorie gewinnen. Trotz optimalen Verhältnissen auf dem Plateau bin ich ihm nicht nachgefahren. Ich habe mich weiter verpflegt und ihn fahren lassen. Mein Fokus galt der 57. Das Rennen war hier bereits verloren!


Die dunklen Wolken hängen in den Berggipfeln um mich herum und kommen langsam näher. Der Rücken- und Seitenwind wird immer heftiger. Immer mal wieder erwischt mich eine kurze Dusche von oben – Waschmaschinen-Feeling pur!

Rein in den nächsten Anstieg. Wenn ich dem Unwetter entgehen möchte, muss ich jetzt ordentlich Druck aufs Pedal geben. Die Passhöhe liegt auf 1.400 Meter. Daran werden die Wolken etwas hängen bleiben denke ich mir und lasse trotz des optimalen Winds die Beine nicht hängen. Oben – geschafft. Gleich wieder runter ins nächste Tal. Die Aussichten sind sehr vielversprechend. Die dunklen Wolken sind hinter mir, helle Wolken mit blauen Fetzen sind über mir. Die Straßen sind nass – hier war also schon der Regen.

Unten im Tal, in der nächsten Ortschaft, erstmal ins nächste Café für einen Espresso und einen EstaThe. Warum keine Fanta? Ganz einfach, die Kohlensäure würde mich durch die hohe Belastung einfach umbringen.

Im Café folgendes Drehbuch: Verschwitzter großer Mann mit Bart in hautengen Klamotten kommt rein und zieht sofort alle Blicke auf sich. Gespräche verstummen. „Buongiorno, un caffé e un tè freddo.“ Mann trinkt den Espresso und den EstaThe und lässt seine Trinkflaschen gleich noch auffüllen. Mann will schnell bezahlen, weil er ja eigentlich in einem Rennen mit um den Sieg fährt. Doch die Barfrau kommt jetzt erstmal von ihrem Tresen hervor. Die Frau ist ca. 1,50 m groß (also für italienische Verhältnisse normal) stellt sich neben den Mann und schwingt einen Arm um das Becken vom Mann (Schulterhöhe für die Frau). Fotos werden gemacht. Jetzt kann der verschwitzte und verdreckte Mann bezahlen und weiter fahren.

Ist das gerade wirklich passiert? Das Grinsen bleibt für eine Weile!

Noch ein Anstieg, noch eine letzte Prüfung, dann ist es das fürs Erste. Dann geht es nur noch bergab Richtung Mittelmeer. Das Tal öffnet sich und der Himmel teilt sich in zwei Hälften: auf der linken Seite hätten wir helle Wolken mit blauem Horizont; auf der rechten Seite hätten wir den Weltuntergang! Mein Schicksal entscheidet sich am nächsten Kreisverkehr: erste Ausfahrt – nicht gut; zweite Ausfahrt – gut.

Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht. Der Wahoo Elemnt zeigt an: erste Ausfahrt – F*CK!!!

Der Weltuntergang – nicht gerade beliebt bei mir, aber mei, was soll man machen?!

„Jetzt werden die großen Brötchen gebacken!“

Die letzte Auffahrt ist so dermaßen surreal. Ich fahre Kurve um Kurve, Kehre für Kehre nach oben. Die Wolken über mir pechschwarz. Luftlinie drei Kilometer rechts von mir öffnet Petrus alle Schleusen. Hinter mir geht bei blauem Himmel die Sonne unter. Der Lichtschein lässt meine Umgebung im saftigen Grün erscheinen. Der Kontrast ist besser als jeder Photoshop. Windstille, Totenstille, das Unvermeidliche wird kommen – mit aller Macht und aller Wucht.

Jetzt kurz vor dem Gipfel bricht es herein. Regen, Wind, Kälte. Pace-Cars stehen am Rand und versorgen ihre Fahrer mit Regenklamotten. Einige Unsupported-Fahrer suchen schützend irgendwo Unterschlupf und kramen in Ihren großen Taschen ebenso nach den Regensachen. Und ich? Ich habe keine großen Taschen und habe auch keine Regensachen. Ich habe meine kurze Bibshort, ein T-Shirt, ein Trikot, Ärmlinge, rote Socken und eine Windweste.

Jetzt ist ER da, DER Moment, wo man den Unterschied machen kann. DER Moment um All-In zu gehen. DER Moment um beim Roulette alle Chips auf eine Farbe zu setzen. Schwarz oder Weiß?

Mein rechter Mittelfinger setzt die Kette auf das kleinste Ritzel. Meine Augen schließen sich kurz, der Regen peitscht mir ins Gesicht, ich bin jetzt schon nass bis auf die Knochen. Ich fasse meinen Lenker am Untergriff, gehe in den Wiegetritt und beschleunige mit Vollgas in die Abfahrt. 20 Kilometer mit Wind, heftigsten Regen, Nebel und verdammt schlechten Straßen. 20 Kilometer voller Anspannung. 20 Kilometer, in denen ich alles eingetauscht habe: meine Erfahrung, mein Wissen, mein ausgeklügeltes Material und letztlich das ungebrochene Vertrauen in mich selbst.

Ich schieße mit Vollgas in die erste Time-Station und komme verdammt kurz vor der Einschreibkontrolle zum Stehen. Ich kann kaum meine verkrampften und tauben Hände vom Lenker lösen. Unterschreiben? Wie? Ich kann kaum den Stift halten und mache irgendein Gekrakel.

Ich blicke mich um und sehe meine beiden stärksten Konkurrenten wieder. Ungläubige Blicke auf beiden Seiten! Das Rennen ist wieder auf null! Alle Würfel wieder zurück in den Becher!

Man reicht mir den Beutel vom Bag-Drop. „Hier sind deine Wechselsachen!“ Wechselsachen? Fehlanzeige! Die Wechselsachen sind erst an Time-Station 3. Hier gibt es nur Socken, Beinlinge und Riegel.

To be continued …

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