Coaching Session mit Norman

Training im Regen

Rennbericht Tour de Romandie 2. Etappe: Stefan Küng gewinnt nach eindrucksvoller Solofahrt. Der Schweizer war von Beginn an in der Fluchtgruppe des Tages dabei und hat dann 15 Kilometer vor dem Ziel aus dieser Gruppe heraus attackiert. Auf ebenen Terrain war es dann für den Zeitfahrspezialisten ein Leichtes, den Vorsprung von 2 Minuten auf das Hauptfeld zu halten. Circa 5 Kilometer vor dem Ziel haben die Sprintermannschaften im Feld die Jagd auf Küng aufgegeben. Der Sieg war dem Schweizer nun nicht mehr zu nehmen!

War Stefan Küng an diesem Tag wirklich so stark? Immerhin ist das Fahrerfeld top besetzt. Hier bereiten sich fast alle Fahrer auf den kommenden Giro d’Italia vor.

Um das komplette Renngeschehen nachvollziehen zu können, muss man das Wetter an diesem Tag mit einbeziehen. Es hatte an diesem Tag durchweg 5 Grad Celsius mit strömenden Regen. 174 Kilometer mit 1.800 Meter Steigung im Renntempo bei teilweise widrigsten Bedingungen – da fährt sich selbst ein Pro-Fahrer irgendwann mürbe.

Hat Küng nun die Etappe gewonnen, weil er viel im Regen trainiert? Oder hat er die Etappe gewonnen, weil er eben nicht so viel im Regen trainiert?

Also eines nehme ich mal vornweg – er hat definitiv nicht auf Zwift trainiert. Pro-Fahrer wird man auf Bahn, Straße und im Cross.

Das Fahren im Regen bedeutet für den Körper einen höheren Energieaufwand. Zur eigentlichen sportlichen Belastung kommt die Belastung zur Erhaltung der Körpertemperatur hinzu. Dies bedeutet mehr Verpflegung, auf welche man dann oft verzichtet, weil die Riegel und Gels sich oftmals in der Trikottasche unter Windweste und Regenjacke sehr gut verstecken. Auch wird im Regen die Wasserzufuhr komplett vernachlässigt. Man hat einfach kein Durstempfinden mehr, obwohl der Körper weiter eine sehr hohe sportliche Leistung vollbringen muss und dabei weiter Schweiß absondert. Nur weil es regnet, werden nicht gleich alle notwendigen Stoffwechselaktivitäten in den Zellen eingestellt.

Ein zweiter wichtiger Aspekt im Regen ist die mentale Komponente. Alles ist durchnässt. Die Füße schwimmen in den Schuhen. Die Finger sind eiskalt. Das Wasser läuft überall runter und durch. Klar, bei einer kurzen und intensiven Einheit von 60 bis 90 Minuten kann man sich mit perfekter Kleidung (bei mir Sportful) ausstatten. Hat man jedoch eine 4 – 5 Stunden Einheit Grundlagenausdauer mit längeren Intervallen im unteren Tempo-Bereich auf dem Plan, so hilft die beste Kleidung irgendwann nix mehr.

In diesen Situationen möchte ich Euch folgendes mit auf den Weg geben:

Ich habe in jeder Saison einige sehr wichtige Ziele. Um diese Ziele zu erreichen habe ich zum einen eine Fitness-Batterie. Diese Fitness-Batterie kann ich vor und während der Saison durch gezieltes Training immer weiter aufladen, um mich so perfekt auf die einzelnen Ziele / Wettkämpfe vorzubereiten.

Auf der anderen Seite habe ich eine Quäldich-Batterie. Diese Quäldich-Batterie kann ich nur in der Off-Saison komplett aufladen – dann, wenn sich der Körper von der zurückliegenden Saison erholt und nur Grundlagenausdauer auf dem Plan steht. Oder, wenn ich einfach mal ohne Plan und Wattmesser den Herbst und Winter bei Ausfahrten genießen kann und ohne Ernährungsplan lebe.

Ich muss während der Saison sehr auf meine Quäldich-Batterie achten, da sich diese durch harte Intervalleinheiten, bei Wettkämpfen und besonders bei Nacht- und Regenfahrten immer mehr leert. Ich wäge also immer ab, ob ich jetzt bereit bin, für ein Ziel einen überdurchschnittlichen Effort zu leisten, ob ich meine Batterieleistung gegen Regen, Hagel, Schnee oder Kälte eintauschen möchte oder muss.

Deshalb lasse ich auch mal eine wichtige Trainingseinheit platzen oder beende ein Rennen vorzeitig. Ich bin in diesen Situationen einfach nicht bereit, ein Teil der Leistung der Quäldich-Batterie zu opfern. Diese Situationen ärgern mich natürlich sehr und treffen mich mental auch sehr hart. Ich kämpfe dann immer mit Selbstzweifeln und überlege, ob das immer alles so richtig ist.

Doch mein Fokus richtet sich auch immer wieder schnell nach Vorne. Die Prioritäten bleiben gleich, nur der Weg dorthin verändert sich. Beide Batterien müssen für DEN Moment einfach optimal geladen sein. Ein erfolgreicher Sportler handelt immer klug. Erfolg bedeutet für mich nicht, mit wehenden Fahnen unterzugehen und zu sagen „Ich war dabei!“

Für Stefan Küng war der 02. Mai 2019 einer DER Momente. Er hatte sich in der Fluchtgruppe schon gut vom Feld absetzen können. 15 Kilometer vor dem Ziel hat er dann beschlossen, einen großen Teil seiner Quäldich-Batterie gegen einen möglichen Sieg einzutauschen und hat attackiert.

Heute leiden alle! Wenn ich mehr leide als alle anderen, so kann ich gewinnen!

Bei der Tour de Romandie haben an diesem Tag definitiv alle gelitten. Das Feld hat sich 5 Kilometer vor dem Ziel dem Schicksal ergeben und sich bereits auf die kommende Etappe fokussiert – Kräfte sparen. Stefan hat alles auf eine Karte gesetzt und gewonnen. Auf der 3. Etappe musste er dafür zwar immer noch büßen, Ruhm und Ehre werden jedoch für immer auf seinem Palmarès bleiben – Chapeau!

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#projectxtreme #nolimitscoaching

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